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Die Variantenprüfung: Sein oder Schein?


Der Projektleiter bewegte den Finger auf der Karte entlang des Bahntrasses, hielt an einem Punkt an und stellte fest: «Hier liegt der beste Standort für unser neues Abstellgleis.»


Tatsächlich lag der Standort nahe an den Einsatzorten. Die Zufahrt für Unterhalt und Intervention schien leicht einzurichten. Die Gleisgeometrie gestaltete sich anspruchsvoll, das geplante Abstellgleis liess sich aber einbinden. Schliesslich bot die Fläche auf den ersten Blick ausreichend Platz für die Anlage.


Der Standort überzeugte auf den ersten Blick - wenig überraschend stimmten die im Raum Anwesenden dem Urteil des Projektleiters zu. So erkannte der für den Betrieb Verantwortliche die Vorteile, und auch aus Sicht der Technik liess sich das Abstellgleis gut umsetzen. Die Projektleitung hatte keinen Anlass, am Standort zu zweifeln.


Doch dann stellte einer der Anwesenden die Frage, die alles veränderte: «Welche weiteren Standorte haben wir geprüft?»


Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Selbstverständlich wurden in einem frühen Projektstadium Skizzen erstellt, Hinweise auf schwierige Abschnitte gesammelt und vereinzelt Argumente gegen andere Lagen entlang der Strecke festgehalten. Aber eine transparente Herleitung, die zum vom Projektleiter bevorzugten Standort geführt hätte, fehlte …


Kurz gesagt. Der intuitive überzeugende Standort war gefunden, doch eine herleitende Begründung stand aus.



Ein favorisierter Standort reicht nicht


Die Erfahrung zeigt: Gerade wenn es um den Bau von Abstellgleisanlagen geht, drängen sich rasch gewisse Standorte auf. Denn die Kriterien sind klar: Das Abstellgleis muss vorgegebenen betrieblichen Anforderungen genügen und darf so nicht allzu weit von den Einsatzorten entfernt sein. Es muss ferner eine definierte Mindestlänge aufweisen und sich mit möglichst geringem Aufwand an das bestehende Streckennetz anbinden lassen. Schliesslich sollten eine Zufahrt ans Strassennetz und ausreichend Platz für Bau und Betrieb vorhanden sein.


Sofern ein Standort zahlreiche dieser Anforderungen erfüllt, scheint rasch eine favorisierte Lösung gefunden. Doch damit ist es nicht getan. Denn ein hieb- und stichfester Standortnachweis muss mehr leisten. Er muss nicht nur nachweisen, aus welchen Gründen ein Standort geeignet ist. Er muss ebenso zeigen, weshalb andere ebenso denkbare Standorte weniger geeignet sind.


Sonst bleibt die wichtigste Frage offen: Ist der favorisierte Standort nach detaillierter Prüfung wirklich der bestgeeignete – oder nur die erste Variante, die aufscheint?



Die Suche folgt dem Bahntrassee


Bei der Planung einer Abstellgleisanlage beginnt die Suche selbstverständlich nicht im leeren Raum. Denn zwangsläufig liegt der Suchraum entlang dem bestehenden Bahntrassee. Dem Trassee folgend stellt sich Streckenabschnitt für Streckenabschnitt die Frage: Wo ist ein Abstellgleis grundsätzlich möglich? Wo lässt die Topografie genügend Raum? Wo ist die Gleisanbindung möglich? Wo sind Eingriffe in Siedlung, Landschaft, Landwirtschaft oder Gewässerraum erforderlich - und sind diese verhältnismässig?


Ein überzeugender Standortnachweis beginnt deshalb nicht beim intuitiv überzeugenden, favorisierten Standort. Er beginnt mit dem Öffnen des Suchraums, der Festlegung des Untersuchungsgebietes und der Bildung aller denkbaren Varianten.


Im Gegenzug scheiden im Rahmen der Prüfung Streckenabschnitte aus, die a priori aus technischen, betrieblichen oder räumlichen Gründen nicht realistisch sind. Daraus resultieren letztlich diejenigen Varianten, die ernsthaft geprüft werden müsse.


Vertrauen entsteht durch einen sauber dokumentierten Lösungsweg


Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ein solcher Standortnachweis ist keine nachträgliche Rechtfertigung einer bereits getroffenen Standortentscheidung. Er ist die nachvollziehbare Herleitung dieser Entscheidung.


Gerade bei Infrastrukturprojekten wie einem Abstellgleis drängen sich selten konfliktfreie Lösungen auf. Ein Standort kann betrieblich bestens geeignet sein, aber gleichzeitig Schutzinteressen von Landschaft, Landwirtschaft, Gewässerraum, Siedlung oder Eigentum berühren. Deshalb dürfen sich Projektverantwortliche nicht mit der Beschreibung aller Vorteile eines gewählten Standorts begnügen. Sie müssen vielmehr spätestens bei Eingabe der Baugesuche nachvollziehbar dokumentieren, wie sie zu ihrer Standortentscheidung gelangt sind - und damit das für eine reibungslose Baubewilligung erforderliche Vertrauen schaffen.


PS: Scheinvarianten helfen nicht weiter


Um zuletzt zu unserem Projektteam zurückzukehren. Nachdem die Frage nach weiteren geprüften Standorten im Raum stand, entschied die Runde, zwei weitere Standorte in die Prüfung aufzunehmen.


Allerdings lag der eine Standort in einem steilen Hangbereich, der andere aus betrieblicher Perspektive so ungünstig, dass die Fahrten zu den Einsatzorten deutlich zu lang geworden wären.


Auf dem Papier hatte man folglich die Forderung nach mehr Varianten befriedigt - doch das Verfahren war nicht professioneller geworden. Denn eine Variantenprüfung verdient das Prädikat “seriös” nur, wenn keine Scheinvariante, sondern nur ernsthaft in Betracht fallende Varianten in den Vergleich einbezogen werden.


Dabei hätte der favorisierte Standort den Vergleich mit den weiteren überzeugenden Varianten bestanden …





 
 
 

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