Der Favorit ist nicht das Problem
- Sandro Dinser

- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Zu Beginn sah alles einfach aus und keinerlei Probleme waren in Sicht.
Der Projektleiter verwies auf den Plan und sagte: «Die Sache ist klar. Dieser Standort eignet sich aus betrieblicher Sicht am besten.» Die Umstehenden nickten beifällig.
Tatsächlich war der Standort bereits durch eine Zufahrt erschlossen, lag günstig und liess sich ohne Aufwand an das bestehende Netz anschliessen. Aus Sicht des Betreibers sprach folglich alles für diesen Standort.
Ein Favorit war geboren … und genau an dieser Stelle begann auch bei diesem Infrastrukturprojekt die heikle Phase.
Ein Favorit wiegt in falscher Sicherheit
Tatsächlich steht die vorschnelle Festlegung auf eine favorisierte Variante am Anfang vieler Probleme und Verzögerungen, wenn es um die Bewilligung eines Infrastrukturprojektes geht.
Nicht, dass der Wunsch nach einem Favoriten verfehlt wäre - sondern weil ein Favorit faktisch rasch einem Vorentscheid gleichkommt, die Projektbetreiber dazu verleitet, die Alternativen nicht sauber zu prüfen, und in falscher Sicherheit wiegt.
Selbstverständlich beginnen Infrastrukturprojekte selten auf einem leeren Blatt. Vielmehr gilt es bereits zu Beginn, bestehende Anlagen, betriebliche Abläufe, technische Zwänge, Eigentumsverhältnisse, Termine und Kosten zu berücksichtigen. Wer mit den Rahmenbedingungen vertraut ist, sieht deshalb bereits in einer frühen Projektphase, welche Lösung naheliegt.
Das ist kein Nachteil, im Gegenteil: Erfahrung und Fachwissen führen häufig dazu, dass sich rasch eine mögliche Lösung abzeichnet. Probleme entstehen erst dann, wenn diese Lösung nicht mehr als möglich behandelt, sondern vorschnell als gesetzter Favorit vorausgesetzt wird.
Wenn Fragen unbeantwortet bleiben
Für die Mitglieder eines Projektteams ist die Wahl des Favoriten gut nachvollziehbar. Man kennt die Vorgeschichte. Man weiss, welche Varianten schwierig umzusetzen wären. Man hat die betrieblichen Anforderungen vor Augen. Doch für ein erfolgreiches Bewilligungsverfahren reicht dies nicht aus. Denn für die bewilligenden Instanzen zählen nicht nur Überzeugungen und implizites Wissen, sondern eine vollständige, nachvollziehbare und objektive Herleitung.
Daher lauten die entscheidenden Fragen für ein Infrastrukturprojekt und die damit verbundene Standortsuche:
Sind Alternativen geprüft worden - und wenn ja, welche?
Weshalb sind die Alternativen verworfen worden?
Welche Interessen sprechen gegen die favorisierte Variante?
Existiert eine Lösung, die Konflikte vermeidet?
Weshalb schneidet die letztlich gewählte Variante gesamthaft am besten ab?
Fehlen die Antworten auf diese Fragen, wird die favorisierte Variante rasch angreifbar und steht unter Verdacht, nicht das Resultat einer seriösen Prüfung, sondern eines vorschnellen, nicht begründeten Entscheids zu beruhen.
Der Favorit erweist sich nicht immer als die beste Variante
Eine gute Variantenprüfung sollte deshalb vom Projektteam nicht als Angriff auf die favorisierte Variante verstanden werden.
Sie motiviert dazu, von Anbeginn an offen an das Projekt heranzugehen, den Variantenraum zu öffnen, Alternativen ernsthaft zu prüfen und die Unterschiede zwischen den einzelnen Lösungen sichtbar zu machen.
Oft bestätigt sich der favorisierte Standort und erweist sich als bestgeeignete Variante.
Manchmal zeigt sich aber auch, dass eine andere Lösung weniger Konflikte verursacht oder in Summe besser abschneidet. Diese Erkenntnis frühzeitig im Verfahren zu gewinnen, ist für das gesamte Projekt ein Gewinn.
Früh prüfen statt spät verteidigen
Projektbetreiber verlieren nicht Zeit, weil sie zu viele Varianten prüfen.
Sie verlieren Zeit, weil sie zu spät - allenfalls bei den ersten Hürden im Bewilligungsverfahren - erkennen, dass es von Vorteil gewesen wäre, weitere Varianten seriös zu prüfen und allenfalls weiterzuverfolgen.
Fazit
Die favorisierte Variante an sich stellt nicht das Problem dar. Das Problem tritt dann ein, wenn eine Variante ohne nachvollziehbare Herleitung favorisiert wird.
Betreiber von Infrastrukturprojekten müssen sich oft früh auf eine Richtung festlegen. Aber die Wahl dieser Richtung muss begründet werden.
Eine saubere Variantenprüfung belegt, welche Alternativen ernsthaft in Betracht fallen, welche ausgeschieden werden können und welche Lösung sich gesamthaft am besten eignet. So kann aus einem Favoriten eine genehmigungsfähige Vorzugsvariante werden.





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